Porträt des Lorscher Metallbildhauers Jürgen Heinz
Unendlich hoher Raum, riesiger Tisch, große Maschinen und eine Myriade von Werkzeugen: Wenn man das Atelier von Jürgen Heinz betritt, bleibt man erst einmal staunend stehen. Allein die schiere Größe seines Wirkungsortes in Lorsch ist beeindruckend, zumal sich darin – in einer Art Zwischengeschoss auf einer Stahlbühne – auch noch ein Hallenbüro und eine Galerie befinden. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man einige Arbeiten des Künstlers, die in ihrer Zusammenstellung aus verschiedenen Werksphasen ein ebenso filigranes wie in sich schlüssiges Ensemble bilden.
Denn nur selten haben die Stahlplastiken des Metallbildhauers etwas Schweres oder Dominantes, sie bestechen viel eher durch optische Leichtigkeit und eine bemerkenswerte, materialbezogene Flexibilität. Auch auf der letzten Art Karlsruhe bildeten die Werke des 1969 in Bensheim geborenen Künstlers in einer One-Artist-Show der Galerie Petra Kern einen harmonischen, in sich leise schwingenden Ruhepol. Vor allem durch die neue Serie Demokratie, in der sich einige Arbeiten durch eine leichte Berührung in Bewegung setzen lassen und damit ein formal wie inhaltlich komplexes Spiel bieten, das zwischen Stabilität und Fragilität oszilliert.
Zum Beispiel in der Plastik Die Stützen der Demokratie von 2026, einem schlanken hohen Werk mit rechteckiger, flacher Plinthe und vielen dünnen Stäben, die einen nach unten hin offenen Kubus aus Cortenstahl tragen, der – wird er angetippt – minimal hin- und herschwankt. Durch die im Titel transportierte Semantik hat man sofort das Bild von einer Gesellschaft vor Augen, die gerade noch in der Lage ist, die Demokratie zu stützen, auch wenn das Ganze mal ins Wanken gerät.
Ein ähnlich fragwürdiges Gleichgewicht vermitteln die Säulen der Demokratie: drei hohe, eckige, rostige Stehlen, die nebeneinander auf hellen flachen Sockeln angeordnet sind. Während eine äußere Säule sich stark an die mittlere anlehnt und deren Standfestigkeit bedroht, kippt die Dritte ganz leicht von ihnen weg. Auf subtil austarierte Weise werden hier die Grenzen statuarischer Vertikalität so weit ausgereizt, dass jeder Impuls von außen gefährlich wäre. Auch im übertragenen Sinn, denn hier symbolisiert Jürgen Heinz nach eigener Aussage das demokratische Prinzip der Gewaltenteilung, sprich Legislative, Exekutive und Judikative.
Diese aktuellen Werke sind insofern ungewöhnlich, als dass der Künstler damit zum ersten Mal „politisch wird“, wie er selbst sagt. Seine teils ungegenständlichen, teils abstrahierten Arbeiten referieren jedoch oft auf den Menschen, auf dessen Stimmungen und Beziehung zu anderen. Wie zum Beispiel in der Installation Kommunikation von 2009 für einen in Lorsch geschaffenen Verkehrskreisel, in der der Bildhauer auf die Vergangenheit des berühmten Klosters vor Ort in Andeutung ehemaliger, ins Gespräch vertiefter Würdenträger verweist.
Viel klingt von dem übergeordneten Thema der Interaktion aber auch im gestalterischen Prinzip der Bewegung an: als aktiver, viele anstrengende Arbeitsschritte fordernder Dialog zwischen Künstler und Plastik, als Schwingung zwischen zwei oder mehreren Elementen innerhalb einer Komposition und schließlich als Resonanz zwischen Werk und Rezipienten.
Schon die ersten Arbeiten, die Jürgen Heinz als Künstler anfertigt, sind von Dynamik geprägt, zunächst jedoch nur als im Stahl festgehaltener Ausdruck. Doch bereits hier versucht der Bildhauer aus einem per se schweren Material etwas zu schaffen, das die werkimmanenten Eigenschaften und damit verbundenen Aspekte wie Masse und Graviation durch scheinbare Mühelosigkeit der Form in Frage stellt. Bis heute gelingt es ihm, bei seinem Publikum mit dieser Dialektik Verwunderung hervorzurufen.
Dazu passt, dass sich sein künstlerisches Wirken durch eine hohe technische Präzision und ein tief gehendes Materialverständnis auszeichnet. Beides hat sich Heinz in seiner Ausbildung und Laufbahn als Metallgestaltermeister erworben. Während seiner Lehr- und Wanderjahre bildete er sich in renommierten Kunstschmieden in Luzern, Stuttgart und Guxhagen weiter. Zudem durchlief er ein Studium als Gestalter an der Werkakademie in Kassel, wo er anschließend dozierte. Kurz darauf bezog er die ehemalige Schlossereiwerkstatt seines Vaters in Lorsch, sein heutiges Atelier. Hier übernahm Heinz zunächst noch einige kunsthandwerkliche Aufträge, bis er sich1997 als Stahlbildhauer selbständig machte. Wichtig in seiner Biografie ist jedoch auch ein kurzer Ausflug in einen völlig anderen Bereich: die Krankenpflege. „Ich hätte gern mit Menschen gearbeitet, habe ich mich dann aber doch für das Handwerk entschieden“, berichtet er. Erst in der Kunst scheint er diese unterschiedlichen Interessensschwerpunkte – auf praktischer wie inhaltlicher Ebene – miteinander verschmelzen zu können.
Zunächst verfolgt der Bildhauer sein künstlerisches Konzept mit ungegenständlichen, statischen Arbeiten weiter, in denen er die integrale Lebendigkeit der Werke sukzessiv steigert, bevor er sich dann in den 2010er-Jahren mit seiner Bewegten Plastik und seinen Moving Sculptures einen Namen macht. Denn jetzt integriert er die Möglichkeit realer Motorik in sein Œuvre und erzielt mit natürlich herbeigeführten, langsamen Bewegungen und Klang eine oft überraschende und meditative Wirkung.
Three / Die Welt bleibt nicht stehen, 2020, Stahl, H 205 / B 77 / T 33 cm, © und Video: Jürgen Heinz
In der Werkgruppe der Bewegten Plastik nutzt der Lorscher vor allem die im Stahl enthaltene Spannung, die zum Beispiel einen langen dünnen Stab und eine daran befestigte Form immer wieder „wie ein umgekehrtes Pendel“ in ihre Ausgangslage zurückschwingen lässt. Daher sind diese Arbeiten nie voluminös, sondern eher grazil und meist vertikal ausgerichtet, wobei dem Sockel eine wichtige Funktion als Gegengewicht zukommt. Analog zum kommunikativen Ansatz des Künstlers begegnen sich darin häufig zwei, drei oder mehrere Elemente und beginnen dabei oft zu klingen. In der poetischen Arbeit Moving Square II von 2022 sind es sieben hintereinander angeordnete Quadrate auf dünnen Stäben, die sich in entgegengesetzte Richtungen hin- und herwiegen und so beständig neue lineare Konstellationen und bei Berührung triangelartige Töne erzeugen.
Interessant wird es auch, wenn wirklich viele Teilstücke – zum Beispiel durch einen leichten taktilen Impuls von Personen – zum Klingen gebracht werden, wie im Moving Big Fish von 2021. In diesem erstaunlich gegenständlichen Werk breitet sich durch einen sanften Anstoß tatsächlich neben einer wellenartigen Bewegung ein ebensolcher Klangteppich aus, der mit der gekurvten Form des Fisches korrespondiert und vor dem inneren Auge Assoziationen von Wasser und Meer aufscheinen lässt.
Moving Big Fish, 2021, Stahl, H 139 / B 120 / T 25 cm, © und Video: Jürgen Heinz
Überhaupt lösen diese Schwingungen in den Arbeiten ein meist positives, emotionales Echo in den Betrachtern aus, sodass Werk und Publikum hier in einen ganz besonderen Austausch, ja vielleicht sogar in eine Art Gleichklang gelangen. Ausgesprochen nachhaltig ist der Effekt im Freien, in einem Garten oder Park, wo sich die Arbeiten bei Wind von selbst zu regen und zu tönen beginnen. Und als vielteilige Plastiken durch die hohe Variabilität ihrer Bewegung neue Bildausschnitte oder Perspektiven auf die jeweilige Landschaft bieten. Daher liegen dem mehrfach ausgezeichneten Bildhauer auch die Werke im öffentlichen Raum, zum Beispiel im benachbarten Hemsbach, im Botanischen Garten in Darmstadt oder in Goldenstedt bei Bremen am Herzen.
Seine Inspiration bezieht der Künstler aus spontanen Eindrücken im Innen- oder Außenraum, aus der Entdeckung eines ungewöhnlichen Musters, einer besonderen Konstellation von Licht und Schatten, oder auch aus inhaltlichen Fragen. Die Ideen hält er in Skizzen fest und setzt sie anschließend zügig um. Eine wesentliche Motivation ist dabei, sich permanent weiterzuentwickeln, sei es innerhalb einer Serie oder mit ganz neuen Ansätzen.
Für die Authentizität seiner Werke, aber auch für die Arbeitsabläufe, ist es Jürgen Heinz wichtig, dass alles aus seiner Hand stammt. Das Material für seine Bewegte Plastik besteht unter anderem aus vorgefertigten Platten, Stäben, Stangen und Rohren aus Stahl, die er zuschneidet, mit dem Schleifband entgratet, mit dem Amboss begradigt und teils die Schnittkanten in der Esse bei einer Temperatur zwischen 680 und 1100 Grad durch Warmoxidation veredelt. Schließlich bringt er mit seinem Schweißgerät alles in die gewünschte Formkonstellation.
Ähnlich additiv geht der Bildhauer in seinen Moving Sculptures vor und schafft doch mit deren oft raumgreifenden, kubischen Formen einen deutlichen Gegensatz zur eher linear angelegten Bewegten Plastik. Auch setzt Heinz in diesen Arbeiten unsichtbare, in den geschlossenen Korpus integrierte Gewichte und Stifte ein, die zu einer ganz anderen Wirkung führen: Zylindrische oder rechteckigen Elemente bilden in der Stille eine zusammenhängende Form, die sich erst bei Berührung aus sich heraus bewegt, so der Titel einer Serie. Dabei schweben einzelne Teile geräuschlos nach vorn und nach hinten, was einen magischen Eindruck hinterlässt, gerade weil hier mittels Stahls nicht nur Leichtigkeit, sondern „Schwerelosigkeit“ suggeriert wird. Dabei erfordert die passgenaue Komposition dieser Plastiken minutiöses Vorgehen, sprich die Herstellung enorm sauberer Schweißnähte, mit denen der Künstler zuvor zugeschnittene Stahlplatten zusammenfügt.
Mit seinem Schaffen steht Heinz in einer langen Tradition, in der die Moderne nicht nur die Loslösung von ihrer Rolle als Inhaltsträgerin vollzog, sondern sich im Bereich der Metallbildhauerei ab Mitte des 20. Jahrhunderts begann, beim Versuch der Überwindung von Masse und Statik formal gestaltete Rhythmen und Bewegung in ihre Arbeiten zu integrieren. Und damit, wie beispielsweise Hans Uhlmann oder Norbert Kricke, die vermeintliche Schwere und Starre des Materials zumindest visuell außer Kraft zu setzen. Jürgen Heinz nennt jedoch allen voran Gerhard Richter als Vorbild. Dessen intuitive Beobachtungsgabe und freie innovative Praxis haben ihn ebenso geprägt wie seine zum Teil sehr strengen Schmiedemeister, erzählt er.
Doch längst hat der Bildhauer seinen eigenen Weg gefunden. Seine Werke entfalten durch ihre aufs Wesentliche konzentrierte Reduktion und Schlichtheit auf der einen und ihr raffiniertes Eigenleben auf der anderen Seite, durch die Ambivalenz von Stille und Bewegung eine große Harmonie, die aber durchaus von nachdenklichen Tönen begleitet werden kann.